Mein erster Rucksack wog 24 Kilogramm. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich am ersten Tag einer mehrtägigen Tour in den Ötztaler Alpen nach drei Stunden die erste Pause einlegte — nicht weil ich müde war, sondern weil meine Schultern brannten und meine Knie protestierten. Das war 2018. Damals dachte ich, das gehört dazu.
Es gehört nicht dazu.
Was Ultraleicht wirklich bedeutet
Ultraleicht (auf Englisch: ultralight, kurz UL) ist keine Modeerscheinung. Es ist eine Philosophie, die aus der Backpacking-Szene in den USA kommt und in den letzten Jahren auch in Europa Fuß gefasst hat. Der Kern ist simpel: Nimm weniger mit. Wähle leichtere Ausrüstung. Geh weiter.
Das klingt trivial, aber es verändert die Art, wie man in der Natur unterwegs ist, fundamental.
Ein übliches Basisgewicht (alles außer Wasser und Essen) bei konventionellen Wanderern liegt zwischen 12 und 18 Kilogramm. UL-Wanderer streben unter 4,5 Kilogramm an, viele kommen auf 3 oder weniger. Das klingt unrealistisch — bis man es ausprobiert.
Die drei großen Gewichtsfresser
Wer seinen Rucksack leichter machen will, sollte zuerst bei den "Big Three" ansetzen:
- Zelt / Shelter — Ein einfaches Tarp oder ein Einzel-Biwaksack wiegt 400–700 g. Ein normales Dreimannzelt für eine Person: 3–4 kg.
- Schlafsystem — Ein Quilt (eine Art halbierter Schlafsack) aus Daunen bringt in vielen Situationen das gleiche Wärme-Gewichts-Verhältnis wie ein konventioneller Schlafsack — bei halbem Gewicht.
- Rucksack selbst — Ultraleicht-Rucksäcke haben keine Hüftgurte, keine Metallstangen und oft nicht einmal ein Rahmensystem. Sie wiegen 300–600 g statt 1,5–2,5 kg.
Was ich verloren habe — und was ich gewonnen habe
Als ich meinen ersten UL-Rucksack packte und auf die Waage stellte (6,8 kg mit Wasser und zwei Tagesrationen), war ich skeptisch. Zu wenig. Ich würde frieren, nass werden, nichts zum Anziehen haben.
Keines davon trat ein.
Stattdessen merkte ich etwas Seltsames: Ich genoss die Touren mehr. Nicht weil es einfacher wurde, sondern weil ich wieder die Wahl hatte, wo ich laufe. Mit einem schweren Rucksack wählt der Körper den einfachsten Weg — er muss. Mit leichtem Gepäck kann man spontan abbiegen, einen Gipfel mitnehmen, einen Umweg durch eine Schlucht machen.
Ein leichter Rucksack ist keine Komfort-Entscheidung. Es ist eine Entscheidung für mehr Freiheit.
Die Tücken — und wie man damit umgeht
Ultraleicht hat Kosten: echte und finanzielle.
Gute UL-Ausrüstung ist teuer. Ein Quilt von Cumulus oder Western Mountaineering kostet 400–700 €. Ein UL-Tarp von MLD oder Zpacks ist für 200–400 € zu haben. Wer von Null anfängt, investiert schnell 1.500–2.500 €.
Der zweite Preis: Komfort wird neu definiert. Ohne dicke Isomatte und aufblasbares Kopfkissen unter dem Sternen zu schlafen ist anders. Nicht schlechter — aber anders. Es braucht etwas Gewöhnung.
Wo anfangen?
Mein Rat für Einsteiger: Fang nicht mit dem Rucksack an. Fang an, indem du deinen bestehenden Rucksack ausbreitest und jeden Gegenstand fragst: "Brauche ich das wirklich — oder beruhigt es mich nur?"
Du wirst überrascht sein, wie viel du zurücklässt.
Nächste Woche: Meine persönliche Packliste für 5-Tage-Touren unter 7 Kilogramm — mit Begründung für jeden einzelnen Gegenstand.